Bill Bailey war Schauermann, Matrose, Gewerkschafter und Mitglied des Abraham Lincoln Battalion. Er ist jedoch vor allem unter US Amerikanern bekannt geworden, weil er 1936 die Hakenkreuz-Flagge vom deutschen Passagierschiff Bremen im Hafen von New York City herunter-gerissen hat. Dadurch erlangte er sogar eine Art Prominentenstatus. Hier eine kurze Zusammenfassung seines bemerkenswerten Lebens

 

Bill Bailey – ein amerikanischer Freiwilliger im spanischen Bürgerkrieg. Spanien, 1937

Bill Bailey, Spanien, 1937

Bill Bailey (eigentlich William James Bailey)

William James Bailey war ein Sohn irischer Einwanderer und wurde 1909 geboren. Er wuchs in extremer Armut in Hoboken, New Jersey, und später in New York im Stadtteil Hell´s Kitchen auf. Sein oft betrunkener Vater verließ schon früh die Familie und ließ die Mutter mit ihren fünf Kindern allein zurück. Bill ging zur Handelsmarine und fuhr ab 1929 zur See. Die miserablen Arbeitsbedingungen veranlassten ihn schon bald danach zum Eintritt in die Gewerkschaft Industrial Workers of the World, IWW (Industriearbeiter der Welt) und 1930 schloss er sich the Marine Workers’ Industrial Union (die Industriellen Gewerkschaft der Seeleute) und the Communist Party of the United States (die Kommunistische Partei der Vereinigten Staaten von Amerika) an.

Er organisierte für die Kommunistische Partei die Schauerleute in New York, Kalifornien, Virginia und Hawai. Er vermisste jedoch seine Arbeit als Seemann und fuhr wieder zur See.

Die SS Bremen und die Nazi-flagge

Als Reaktion auf die Festnahme des amerikanischen Seemanns Lawrence Simpson [1] 1935 in Deutschland (er hatte antifaschistische Literatur für Widerstandskämpfer nach Deutschland geschmuggelt) wurde von kommunistischen Seeleuten in New York City eine Demonstration organisiert. Hafen. Alle Antifaschisten wurden aufgerufen, sich am Liegeplatz des deutschen Luxusschiffes Bremen zu versammeln. Als die Zahl der Demonstranten auf Tausende anwuchs, schaffte es Bill mit Hilfe anderer Seeleute die Hakenkreuzflagge am Heck abzureißen und in den Hudson River zu werfen. Die Männer wurden festgenommen und mißhandelt. Daraufhin erfolgte ein diplomatischer Feuersturm.

Titelseite der Daily News über die Aktion

Titelseite der Daily News über die Aktion

Bürgermeister LaGuardia, verweigerte eine Entschuldigung an die deutsche Regierung. US Präsident Franklin Roosevelt lehnte es ab, sich direkt zu der Angelegenheit zu äußern. Er verlautbarte aber, dass er mit den Protesten amerikanischer Juden, gegen die religiöse Unterdrückung durch die deutsche Regierung, sympathisierte. Der radikale Kongressabgeordnete Vito Marcantonio schloss sich dem Verteidigungsteam für die Demonstranten an. Richter Louis Brodsky, selbst Jude, wies die Anklage gegen Bailey und die Matrosen in einer mutigen Entscheidung, dabei den Nazismus anklagend, ab.

Ein Leben im Krieg

Als der spanische Bürgerkrieg ausbrach, ging Bill nach Spanien. Er schloss sich der Maschinengewehrkompagnie des Abraham Lincoln Battalion an und wurde später Kommissar der Kompanie. Er kämpfte u.a. in Belchite wo es ihm gelang, ein faschistisches Banner zu ergattern das er an die Maritime Federation of the Pacific  in die USA schickte. Am 14. Juli 1937 wurden das Lincoln-Bataillon und George Washington-Bataillon auf Grund der schweren Verluste beider Bataillone zusammengelegt. Ungefähr 3000 Amerikaner nahmen am spanischen Bürgerkrieg teil. Als der Krieg endete, hatten nur 150 Amerikaner aus dem Lincoln-Washington-Bataillon überlebt. Bill Bailey war einer von ihnen. Er kehrte in die USA zurück und arbeitete wieder als Seemann.

Während des Zweiten Weltkriegs war er an Land Vertrauensmann für die US Seeleute Gewerkschaft Marine Firemen, Oilers and Watertenders Union. Er konnte es aber nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren Männer auf See zu schicken, die dort ihr Leben riskierten. Bill ging selbst wieder zur See und beteiligte sich an der Invasion der Philippinen. 

Während des Koreakrieges (1950-1953), mitten in der McCarthy-Ära, wurde er wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei auf die schwarze Liste gesetzt und konnte nicht als Seemann weiter arbeiten. 1953 begann er als Schauermann zu arbeiten und blieb es bis zu seiner Pensionierung 1975. Er widmete sich fortan dem Schreiben und Vorträgen [2].

Im Ruhestand unterstützte er unablässig Aktivisten, Jung und Alt, die eine bessere Welt schaffen wollten. Er fasste seine Philosophie folgendermaßen zusammen: Ich habe versucht, mein Leben so zu führen, indem ich einem Glauben folgte, der meine Reise geleitet hat … eine Ungerechtigkeit zu bezeugen und nichts zu tun – das ist das größte Verbrechen.”

Filme, Interviews und Bücher
Buchumschlag: „The Agitator: William Bailey and the First American Uprising against Nazism

Buchumschlag: „The Agitator: William Bailey and the First American Uprising against Nazism”

In den 70er Jahren wurde Bill dank der Dokumentationen Seeing Red  (1983) und The Good Fight (1984) wieder zu einer Berühmtheit. Er war in einer Reihe weiterer Dokumentarfilme zu sehen, trat in zwei Spielfilmen auf und wurde für zahlreiche Bücher interviewt, darunter Bruce Nelsons „Workers on the Waterfront“  („Arbeiter an der Wasserfront”) von 1988.

1993 erschien Baileys Autobiographie „The Kid from Hoboken“. Er hat das Buch seinem Sohn Michael mit den folgenden Worten gewidmet: „Meinem Sohn Michael. Du bist das Beste in meinem Leben. Ich habe versucht Dir eine bessere Welt zu hinterlassen.“

Bill starb im Jahr 1995 in San Francisco. Seine Asche wurde der See übergeben.

Auch nach seinem Tod leben die Taten von Bill Bailey weiter. Erst am 19. März 2019 erschien Peter Duffys Buch „The Agitator – William Bailey and the First American Uprising Against Nazism” („Der Rührer – William Bailey und der erste amerikanische Aufstand gegen den Nationalsozialismus“). Wie der Titel andeutet, betrachtet Peter Duffy die Hakenkreuz-Aktion von Bill Bailey als den ersten amerikanischen Aufstand gegen den Nazismus [3].


Anmerkungen:

[1] Lawrence Simpson wurde über zehn Monate im Konzentrationslager Neuengamme vor den Toren Hamburgs gefangen gehalten und dann in das Gefängnis von Berlin-Moabit verlegt. Er wurde zu weiteren drei Jahren Haft verurteilt und dann, wegen des immer breiter werdenden öffentlichen Aufschreis, im Dezember 1936 unerwartet von Hitler begnadigt.

[2] Bereits 1930 begann Bill Bailey als freiberuflicher Gewerkschaftsautor und Redakteur zu arbeiten.

[3] Sie können hier einen Auszug aus dem Buch und eine Rezension dazu in Englisch lesen.


ÜBERSETZT AUS DEM ENGLISCHEN VON HAMBURGER FREUNDINNEN & FREUNDE DER XI. INTERNATIONALEN BRIGADE
überarbeitet von Maria Busch, 2020