„Die Adresse" ("Adressen") Ein Skizze aus Madrid, Summer 1939, Von Ruth Berlau, Zeichnung von Marlie Brande

Das Deckblatt des Heftes „Die Adresse” (“Adressen”) von Ruth Berlau

Ich denke, er ist zehn, vielleicht zwölf Jahre alt, der Junge mit einem Päckchen unter dem Arm im Postamt von Madrid. Er hat ein blasses und schmales Gesicht und große, große Augen. Er stand schon lange an derselben Stelle und drückte das Päckchen fest unter den Arm.

Was ist im Paket enthalten? Was macht er hier? Er wird hin und her geschoben, stolpert leicht, verliert aber nie das Paket. Leute kommen und Leute gehen, senden Telegramme, kaufen Briefmarken, bitten um Briefe am Schalter „Postlagernd“, lesen ihre Briefe, bevor sie wieder in die Sonne treten.

Die Sonne scheint über Madrid, das Leben nimmt seinen Lauf, als wäre Madrid nicht wirklich die Front.

Marlie Brandes Zeichnung für „Die Adresse" ("Adressen") von 1937

Marlie Brandes Zeichnung für „Die Adresse” (“Adressen”) von 1937

Es gibt jedoch etwas Beunruhigendes an dem Jungen mit seinem Paket. Etwas unaussprechlich schmerzhaftes liegt über ein so ernstes Kind. Es ist, als ob er plötzlich eine Entscheidung trifft. Er nähert sich einem Schreibtisch. Sein langer dünner Knabenarm greift nach dem Stifthalter. Er schreibt, seine Wimpern sind schwarz und berühren seine Wangen. Er schreibt nur dieses eine Wort: “ENGLAND”. Er geht mit seinem Paket zum Schalter. Diese kleine sensible Figur hat etwas Kraftvolles, die sich trotz der unvollständigen Adresse und der zuckenden Achseln nicht abweisen lässt.

– „Packen Sie Ihr Paket aus”, sagen sie ihm. – „Was ist drin? Was willst du?“

Er packt ruhig sein Paket aus, eine schöne Furnierplatte erscheint. „Ich habe darauf Schmetterlinge gesammelt“, sagt er. Es waren darauf Löcher gebohrt und Splitter mit Schnüren zusammengebunden. – „Was ist das?“ Ein kornblumenblaues Kinderkleid wird hochgehalten, einer der Ärmel ist rot. Der Junge sieht es an. – „Es gehörte meiner Schwester. Meine Mutter hatte mir gesagt, ich solle mich um sie kümmern. Ich habe sie im Park da draußen ins Gras gelegt. Als ich zurückkam war sie tot. Es war das hier“, er deutete auf ein Schrapnell. Dann wickelt er das kornblumenblaue Kleid um die helle Furnierplatte, nimmt das Packpapier und wickelt das Päckchen wieder ein. Mit fester und selbstbewusster Stimme hebt er den Kopf und schaut, dass einem das Herz schmerzt. Er sagt: „Es muss eine Adresse geben.“ Er bekommt keine Antwort. Alle bleiben stumm. – “Die Sache ist die,” sagt er dann, “gestern hat mir meine Mutter gesagt, dass alles nach England kommt.” Er dreht sich plötzlich um und geht – aufrecht und selbstsicher. Auf dem Tresen liegt das Paket mit einem Wort das in einer großen und klaren Handschrift geschrieben ist: “ENGLAND”.


ÜBERSETZT AUS DEM ENGLISCHEN VON HAMBURGER FREUNDINNEN & FREUNDE DER XI. INTERNATIONALEN BRIGADE