| SPANISHSKY.DK 2. JULI 2021 |

Arbeiterführer, Hafenarbeiter, Kampfgefährte Ernst Thälmanns, Mitglied der KPD seit 1923, Mitbegründer und Leiter des Roten Frontkämpferbundes Hamburg-Wasserkante, seit 1927 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und Mitglied im “Internationalen Seeleute- und Hafenarbeiterverband”

 
Vom Freundeskreis der XI. Internationalen Brigade

Über Edgar André sagte der große deutsche Dichter Heinrich Mann: „Es ist eine Ehre für Deutschland, Edgar André besessen zu haben und seinesgleichen zu besitzen!“

Der Mensch Edgar André

André war mehr Aktivist als Parteifunktionär, er sah sich als “Mann von der Straße”, begegnete seinen Mitmenschen in Augenhöhe und mit Respekt, gleichzeitig galt er als umsichtig, kühn und entschlossen, packte mit an, wo es erforderlich war und blieb immer fair. Dafür wurde er geschätzt.

Unerschrocken trat er in Naziversammlungen auf und entlarvte die braune Bande. Neben seinem furchtlosen Auftreten für die Interessen der Arbeiterklasse, ist seine moralische Sauberkeit und Selbstlosigkeit zu nennen.

Edgar hatte eine besondere Gabe. Er war ein fesselnder und temperamentvoller Redner. Er verstand seine Klassenbrüder zu begeistern indem er an die unmittelbaren Erfahrungen seiner Klassengenossen anknüpfte und die Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfes aufzeigen konnte.

Edgar liebte Bücher über alles. Oft gab er als Erwerbsloser seinen letzten Groschen für ein neues, ihn interessierendes Buch aus. Seine offene, kameradschaftliche Art, seine Hilfsbereitschaft und sein soziales Engagement haben ihn sehr beliebt gemacht.

Edgar Andrés Kindheit und Jugend
Edgar Andrés Mutter Sophie André

Edgar Andrés Mutter Sophie André

Etkar Josef André (auch Edgar – er deutschte seinen Namen flämischer Herkunft in seinen Briefen ein, indem er mit „Edgar“ unterschrieb) wurde am 17. Januar 1894 in Aachen, damals zur Rheinprovinz des Preußischen Staates gehörend, als drittes Kind einer Handwerkerfamilie geboren.

Mit fünf Jahren verlor er seinen Vater, der an Lungentuberkulose starb. Seine ebenfalls tuberkulosekranke Mutter konnte nur mit großer Mühe für den Unterhalt ihrer drei Kinder sorgen. Belgische Verwandte holten die Familie nach dem wallonischen Lüttich, wo Edgar und seine Brüder wegen der Ansteckungsgefahr mehrere Jahre in einem Waisenhaus lebten. Hier wurde die französische Sprache nunmehr Edgars Muttersprache.

Nach der Schulentlassung begann er eine kaufmännische Ausbildung in eine Buchhandlung und kam hier auch mit politischer Literatur in Kontakt. Diese Ausbildung, die ihm nicht lag, brach er jedoch ab und absolvierte eine Lehre im Schlosserhandwerk.

Beginn seines politischen Lebens

Das in den Jahren der Lehre beginnende starke Engagement in der sozialistischen belgischen Arbeiterjugend bedeutete eine wichtige Weichenstellung für seinen späteren Werdegang. Als 17jähriger trat er der Sozialistischen Partei Belgiens bei und war bereits zwei Jahre später Sekretär in der Brüsseler Sektion der „Jungen Sozialistischen Garde”. Welch‘ hohes Ansehen André schon bald in seiner Partei genoss, zeigt sich an seiner Wahl zum Delegierten für den Parteitag der Belgischen Sozialisten 1914.

Edgar André, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, 1914

Edgar, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, 1914

Der Erste Weltkrieg

Bei Kriegsbeginn geriet der gebürtige Deutsche, inzwischen politisch wie sozial in seiner Wahlheimat Belgien Verwurzelte, zwischen die Fronten europäischer Machtpolitik: nach dem deutschen Einmarsch in Belgien im September 1914 sah sich André einer starken antideutschen Stimmung in der Bevölkerung gegenüber.

Der junge Sozialist versuchte sein Gefühl der Entwurzelung zu kompensieren indem er sich – obwohl der deutschen Sprache kaum mächtig – freiwillig zum Kriegsdienst im Kaiserlichen Heer meldete. Seine militärische Grundausbildung erhielt er in Koblenz und nahm dann als Soldat im Infanterie-Reserve-Regiment 236 Köln-Deutz an den Kämpfen an der Flandernfront teil. Er war u.a. bei der Schlacht bei Langemarck und geriet kurz vor Kriegsende, 1918, in französische Kriegsgefangenschaft. 1920 wurde er entlassen.

Seine freiwillige Kriegsteilnahme hat er später als Fehler angesehen und sehr bedauert.

Sein Weg nach Hamburg

Nach seiner Entlassung und anschließenden Demobilisierung fand André zunächst Arbeit im Koblenzer Hafen. Auch politisch suchte er in der Stadt am Deutschen Eck Fuß zu fassen. 1920 trat er hier der SPD bei, wo er sich zunächst besonders in der Arbeiterjugend engagierte. Es war der Verlust seiner Arbeitsstelle, der den Deutsch-Belgier schließlich nach Hamburg führte.

Die Aufhebung der Seeblockade ließ André hoffen, im Überseehafen der Hansestadt eine Arbeit zu finden. Doch war ihm eine feste Stellung auch hier nicht beschieden. So sah er sich im Zeichen von Hyperinflation und Wirtschaftskrise gezwungen, seinen Lebensunterhalt durch eine unregelmäßige, immer wieder von Arbeitslosigkeit unterbrochene Tätigkeit als Schauermann zu bestreiten, zeitweilig auch als Bauarbeiter.

Edgar als Hamburger Vorsitzenden der Erwerbslosenbewegung 

Außergewöhnlich war Edgars Wissbegier und sein Wille die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu erkennen. Er wurde ein kompromissloser Klassenkämpfer. Dies und sein leidenschaftliches Eintreten für die Ausgebeuteten und Entrechteten machten ihn unter den Arbeitern populär.

1922 wurde er von der Hamburger Erwerbslosenbewegung zu deren Vorsitzenden gewählt. Die bürgerliche Presse nannte ihn den „Erwerbslosenkönig“. Leiter der Erwerbslosenbewegung in Hamburg war Edgar André bis 1925. Ebenso wurde er Mitglied im Deutschen Bauarbeiter-, später im Deutschen Transportarbeiterverband. Ein Schwerpunkt seiner Partei- und Verbandsarbeit bestand darin, sich um die Belange der Arbeitslosen zu kümmern.

Über seine dortige Tätigkeit lernte André auch seine langjährige politische Weggefährtin, die Itzehoerin Martha Berg kennen. Sie waren beide aus dem gleichen Holz geschnitzt, hilfsbereit und kameradschaftlich, die eigenen Interessen der Klasse unterordnend, dabei aber lebenslustig, vielseitig interessiert und aufgeschlossen.

Edgar mit Martha und Genossinnen

Edgar mit Martha und Genossinnen

1928 zogen die Beiden von der Grindelallee nach Barmbek, in die Adlerstraße 12, wo sie bis 1933 wohnten.

In Hamburg war er am Anfang noch Sozialdemokrat. Als im Winter 1922 Demonstrationen der notleidenden Bevölkerung losbrachen, stand André – wie so oft in den kommenden Jahren – in vorderster Linie. Auf dem Rathausplatz formulierte er die Forderungen der Erwerbslosen, wurde, als die Schutzpolizei unter Einsatz von Waffen eingriff, als “Rädelsführer” festgenommen und für kurze Zeit inhaftiert. Dass ein sozialdemokratischer Polizeisenator für den harten Polizeieinsatz, bei dem zahlreiche Demonstranten ums Leben kamen, verantwortlich war, mag André endgültig dazu bewogen haben, der SPD den Rücken zu kehren.

Edgar André mit erhobener Faust

Edgar André mit erhobener Faust

Edgar wurde Mitglied der KPD

Edgars Auffassungen und die Auffassungen der rechten Führer der Sozialdemokratie passten nicht mehr zusammen. Die Erfahrungen und Entbehrungen seiner Klasse und das Verhalten der rechten Führer der SPD ließen Edgar keine Wahl, er sagte sich Ende 1922 von der Sozialdemokratie los und trat am 1. Januar 1923 der in seinen Augen politisch konsequenteren Kommunistischen Partei Deutschlands bei, zu der sich über die Arbeit in der Erwerbslosenbewegung ohnehin intensive Kontakte entwickelt hatten.

1926 gehörte Edgar André zur Führungsspitze des Bezirks “Wasserkante”, einem von insgesamt 27 KPD-Bezirken. Seine Tätigkeit hier konzentrierte sich vor allem auf die Führung des 1924 gegründeten “Roten Frontkämpferbundes” (RFB). Daneben war er gewerkschaftlich im “Internationalen Seeleute- und Hafenarbeiterverband” und im “Hamburger Internationalen Seemannsclub” tätig.

Abteilung des RFB Hamburg – mit Edgar André

Abteilung des RFB Hamburg – mit Edgar André

Seine Freundschaft zu Ernst Thälmann

Schon bald gehörte Edgar zum engeren Kreis um Ernst Thälmann. Mit Ernst Thälmann, dem Vorsitzenden der Ortsgruppe Hamburg der Vereinten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD), war Edgar freundschaftlich verbunden. Thälmann schätzte an „dem Schwarzen“, wie man Edgar André wegen seiner Haut- und Haarfarbe nannte, die Dynamik und volkstümliche Redegabe, seine Wirkung auf die Massen und die enge Verbindung zu den Werktätigen. Beide waren in der Erwerbslosenbewegung tätig und das verband. Thälmann war für Edgar „der Alte“.

Gautreffen RFB-Wasserkante 1927, Ernst Thälmann und Edgar André

Gautreffen RFB-Wasserkante 1927, Ernst Thälmann und Edgar André

Der im Mai 1924 gefasste Beschluss der KPD-zentrale zur Gründung einer proletarischen Wehrorganisation kam nach dem „Deutschen Tag“ am 11. Mai 1924 in Halle zustande. Er war der bisherige Höhepunkt von Aufmärschen militärisch-nationalistischer Verbände und rechten Terrors zur Aushölung der bürgerlich-parlamentarischen Weimarer Republik. Halle ware zu dieser zeit das „rote Herz“ Mitteldeutschlands – 73% der Wählerstimmen gingen an die KPD.Um die Provokation der Rechten abzuwehren, hatte die KPD zum „Deutschen Arbeitertag“ in Halle aufgerufen. Die Polizei hatte das feuer auf die Arbeiter eröffnet. Es gab drei Tote und hunderte Verhaftete.

Als Konsequenz darauf entstand im Juli 1924 in Thüringen die erste Ortsgruppe des Roten Frontkämpferbundes (RFB).

Edgar André gehörte 1924 zu den Gründern des Roten Frontkämpferbundes „Wasserkante“. Allein in Hamburg zählte der RFB bald Tausende begeisterte Mitglieder.

Das Verbot des RotFrontkämferbundes im Mai 1929 ließ den Kampfeswillen der Hamburger Proleten nicht erlahmen. Nach diesem Verbot durch Reichsinnenminister Carl Severing wirkte André entscheidend an der Überführung der etwa 80 000 Mitglieder zählenden RFB-Organisation in die Illegalität mit. Edgar André war für die Nachfolgeorganisation “Kampfkomitee gegen das RFB-Verbot“ illegal aktiv.

"Rot Front Ruft", RFB Plakat, 1929

„ROT FRONT RUFT“, RFB Plakat, 1929

Die Verlagerung der Arbeit in den Untergrund mag André bewogen haben, sich im Oktober 1929 in das abgelegene Cuxhaven zurückziehen. Hinzu kam, dass die Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung ab 1929 den “Roten General” – wie ihn Anhänger und Gegner gleichermaßen nannten – in zunehmendem Maße zur Zielscheibe nationalsozialistischer Nachstellungen und Anschläge werden ließ.

Ein Ereignis der besonderen Art:
Am 27. Oktober 1929 war Großkampftag gegen das RFB-Verbot. Am Vormittag war eine Kundgebung in der Innenstadt. Am Nachmittag versammelten sich über 1.000 RFB Kämpfer in Zivilkleidung im Arbeiterstadtteil Barmbek ( Ernst Thälmann nannte diesen Stadtteil 1925 „unsterblich“ wegen seiner heroischen Rolle im Hamburger Aufstand von 1923), getarnt in Zivilkleidung, um mit einer Demonstration gegen dieses Verbot zu demonstrieren. Als dann die Demonstration begann, warfen die Kämpfer plötzlich den anwesenden Frauen ihre Zivilmäntel zu und marschierten in der Uniform des RFB über 20 Minuten durch ein dichtes Spalier überraschter Passanten. An der Spitze gingen Edgar André, Ernst Thälmann und der spätere Spanienkämpfer Vatti Hoffmann.

Internationale Solidarität

Edgar André machte die Sache des Internationalismus wo immer es ging zu seiner eigenen. So z.B. 1927 in Aktionen zur Rettung der amerikanischen Genossen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, zwei aus Italien in die USA eingewanderter Arbeiter.

In Hamburg fand nach der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti am 23. August 1927 u.a. vor dem US Konsulat eine Protestkundgebung und eine Demonstration statt. Das Konsulat lag in der sogenannten Bannmeile, also einer Demonstrationsverbotszone. Das hinderte Edgar André und den späteren Spanienkämpfer „Vatti“ Hoffmann jedoch nicht an der Spitze des Demonstrationszuges zu marschieren. Die Polizei eröffnete das Feuer, ein Demonstrant starb und 30 wurden schwer verletzt.

Edgar als Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft

Edgar, als Mitglied der Bezirksleitung der KPD Wasserkante, wurde im Februar 1928 zum Abgeordneter der KPD als einer von 27 kommunistischen Abgeordneten in der Hamburger Bürgerschaft gewählt. 1931 ein weiteres Mal, diesmal als Mitglied der Stadtvertretung Cuxhaven (bis 1937 zu Hamburg gehörend), wo er vorübergehend einen Zweitwohnsitz in der Poststraße 8 führte. Seine Aufwandsentschädigung stellte er fast vollständig der Parteikasse zur Verfügung.

Es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass sich André von 1928 bis Ende 1932 insgesamt elf Anträgen der Strafverfolgungsbehörden an die Bürgerschaft seine parlamentarische Immunität aufzuheben, ausgesetzt sah.

Sommerfrische mit Genossen, Sommer 1928

Sommerfrische mit Genossen, Sommer 1928

Edgars Tätigkeit im “Internationalen Seeleute- und Hafenarbeiterverband”

1925 war er Mitglied in der in Hamburg gegründeten Roten Marine. Ähnlich wie Betriebsgruppen des RFB in den Fabriken sollten in ihrem Namen Bordgruppen unter den Besatzungen aller See- und Handelsschiffe entstehen.

Neben seiner Parteitätigkeit war Edgar gewerkschaftlich im “Internationalen Seeleute- und Hafenarbeiterverband” und im “Hamburger Internationalen Seemannsclub” tätig. Dabei war eine seiner Aufgaben die Auslandsarbeit, d.h. Verbindung zu halten mit Seeleuten und Hafenarbeitern in Antwerpen, Le Havre, Marseille, Leningrad, Spanien, China.

Edgar André nutzte seine fließenden französischen Sprachkenntnisse und sein marxistisch-leninistisches Wissen, um aktiv als Instrukteur und Propagandist in der Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter zu arbeiten.

Die erste internationale Konferenz von Arbeitern schwarzer Hautfarbe am 7. Juli 1930 in Hamburg wurde von ihm mitorganisiert. Man wollte sie, die unter schwierigsten Bedingungen arbeiteten, für den gemeinsamen Kampf gewinnen. Für Edgar als leidenschaftlichen Internationalisten war es eine Herzensaufgabe, den schwarzen Arbeitern zur Seite zu stehen.

1932 konnte Edgar der Partei berichten, dass eine RFB ähnliche Organisation in Frankreich gegründet wurden war. Edgar war ein leidenschaftlicher Propagandist, Artikel von ihm erschienen u.a. in der französischen Gewerkschaftszeitung „La Vie Ouvrière“.

Die Antifaschistische Aktion

Dem immer bedrohlicher aufkommenden Faschismus versuchten Edgar und die Genossen mit dem am 26. Juni 1932 in Hamburg stattfindenden Kongreß der Antifaschistischen Aktion entgegen zu treten. Edgar André war aktiv bei dessen Vorbereitung beteiligt. Es versammelten sich 1 719 Delegierte, davon 270 sozialdemokratische Delegierte. In einem Appell richteten sie sich an die Arbeiter der SPD, der Sozialistischen Arbeiterjugend und des Reichsbanners und riefen zur Herstellung der Einheitsfront der Arbeiterklasse auf.

Vergeblich, wie bekannt ist. Die Machtübergabe Hindenburgs an Hitler Januar 1933 konnte nicht verhindert werden.

Das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin während des Wahlkampfes Juli 1932

Das Karl-Liebknecht-Haus in BerlinBundesarchivLizenz

Mordanschläge auf Edgar André

Geliebt von den Arbeitern der Wasserkante und dermaßen von den Nazis gehasst, dass der spätere Nazigauleiter Hamburgs seiner Totschlägerbande den Auftrag zur Ermordung Edgar Andrés gab.

Am 15. März 1931 kam es zu einem Mordanschlag, der Edgar gelten sollte, dem aber sein Parteifreund Ernst Henning zum Opfer fiel. Henning war ebenfalls Bürgerschaftsabgeordneter, er wohnte in Bergedorf und hatte in den Vierlanden an einer Parteiveranstaltung teilgenommen. Auf der Rückfahrt in einem gut besetzten Nachtbus wurde er nach der Frage “sind Sie André?” von SA-Männern erschossen, weitere Fahrgäste erlitten teils schwere Schusswunden.

Ernst Henning zu Haus

Ernst Henning zu Haus

Die Täter wurden gefasst, vor Gericht gestellt und kamen mit einer Haftstrafe von sieben bzw. sechs Jahren davon. Sie verbüßten die Strafen nur bis zum 9. März 1933 und gelangten aufgrund der Hindenburg-Amnestie in Freiheit. Die Ermordung Ernst Hennings wertete das Gericht nur als „Affekthandlung“; die Anklage auf vorsätzlichen Mord wurde fallengelassen.

35.000 trugen den Genossen Ernst Henning am 21. März 1931 zu Grabe. Hinter dem von berittenen Schutzleuten begleiteten Leichenwagen gingen dreißig Angehörige des Rotfrontkämpferbundes mit erhobener Faust, Edgar André an der Spitze. Ihnen folgten 120 Kranzträger und 150 Fahnen und Standarten kommunistischer Gruppen aus Hamburg und dem Reichsgebiet. Die Gedenkrede hielt Ernst Thälmann. Das zu diesem Zeitpunkt bestehende Demonstrationsverbot nutzte die Polizei um das Feuer auf die Trauernden zu eröffnen. Ein Arbeiter wurde getötet und drei weitere verletzt.

Die Reaktion des SPD Bürgerschaftsabgeordneten Gustav Dahrendorf in der sozialdemokratische Zeitung „Hamburger Echo“: „Lieber mit zehn Nazis als mit einem Kommunisten im Präsidium.“

Im Juni 1933 kam jener Dahrendorf erst in Schutzhaft, dann ins Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel und 1944 in das Zuchthaus Brandenburg-Görden. Er wurde schwer gefoltert. Man nennt das wohl „Ironie des Schicksals“.

Ein weiterer Versuch Edgar zu ermorden war, als Marinesturm-Banditen seinen Wohnblock umstellten und in Edgars Wohnung eindrangen. Durch eine List gelang es Edgar den Angriff abzuwehren, und zwar wie folgt: als die Angreifer eindrangen, sprach EA laut mit sich selbst und erweckte damit den Eindruck, dass mehre Anwesende ihm einen geladene Revolver reichten. In der Dunkelheit konnten die Eindringlinge Edgar nur schemenhaft erkennen und sahen in seiner Hand eine Art Pistole. Edgar forderte sie auf näher zu kommen und rief dann plötzlich „Raus aus dem Haus! Sonst knallt es!“ Die Angreifer flüchteten – Edgar hatte in der Hand seine umgedrehte Pfeife.

Vermutlich Edgars Hund Ajav mit Kindern. Bildbearbeitung verbessert

Vermutlich Edgars Hund Ajax mit Kindern

Der sozialdemokratische Polizeisenator verweigerte Edgar André einen Waffenschein auszuhändigen. Edgar wusste sich zu helfen und schaffte sich einen abgerichteten Wolfshund an, der ihm in mancher bedrohlichen Situation zur Seite stand. Ajax, sein vierbeiniger Kampfgefährte, ging auf alles los was Hakenkreuze trug. Selbst Hakenkreuzschleifen an Denkmälern zerfetzte er

.

Edgar André mit seinem Hund Ajax. Bildbearbeitung verbessert

Edgar mit seinem Hund Ajax

Edgar Andrés Verhaftung

Die beginnenden dreißiger Jahre waren für Edgar gekennzeichnet durch eine intensive Reisetätigkeit. Als Leiter einer Arbeiterdelegation reiste André im November 1930 in die Sowjetunion, wo er sich bis Anfang 1931 aufhielt. 1932 lebte er für kurze Zeit in Paris und stellte Kontakte zur Kommunistischen Partei Frankreichs her.

Mit der Machtübergabe an die Nazis am 30. Januar 1933 galt André als höchst gefährdet. Ihm wurde, so u.a. von Willi Bredel und anderen Freunden nahegelegt, Deutschland zu verlassen – doch er lehnte mit der Begründung ab „man brauche ihn in der Provinz, besonders bei den Matrosen der Fischdampfer in Cuxhaven“. Er beteiligte sich noch am Wahlkampf für die Reichstagswahlen am 5. März in Cuxhaven, hielt dort eine Rede. War es Leichtsinn?

Tags darauf, am 4. März 1933, wurde Edgar André, mit dem Zug von Cuxhaven kommend, in Harburg-Wilhelmsburg durch die Gestapo unter Missachtung seiner Abgeordnetenimmunität festgenommen. Interventionen des damaligen Bürgerschaftspräsidenten Ruscheweyh unter Hinweis auf die Immunität Andrés und die fehlende rechtliche Grundlage der Verhaftung blieben ohne Erfolg.

Eine mehr als 3 ½ jährige Leidenszeit nahm ihren Anfang. In Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis, war er laut Strafakte “streng getrennt zu halten von allen”. Die Haft war begleitet von Misshandlungen und brutalsten Folterungen. Zeitweilig konnte Edgar André sich nur mit Hilfe von Krücken fortbewegen. Als er wegen schwerer Verletzungen nicht mehr liegen konnte, wurde ein Wasserbett organisiert, damit er bis zum nächsten Verhör und neuen Misshandlungen „wiederhergestellt“ sein würde. Kopfverletzungen führten zeitweilig zum Verlust des Gehörs. Die Folterungen sprechen dafür, dass er für die Anklage brauchbare Aussagen verweigerte, keine Freunde, Genossen, Parteinterna verriet, bereit war sich nicht von seiner Weltanschauung zu distanzieren. Alle 7-10 Tage mußte seine Lebensgefährtin Martha die blutige Wäsche abholen, reinigen und zurückbringen.

Broschüre von Martha Berg-André: Edgar André, mein Mann und Kampfgefährte, Paris 1936

Broschüre von Martha Berg-André, Paris 1936

Sie konnten ihn nicht brechen.

Ein Genosse erzählte nach seiner Entlassung von einer Begegnung mit Edgar André im Gefängnis:

Da kam Edgar auf Krücken angehumpelt. Die gefangenen Kameraden erkannten ihn sogleich, und er schien viele von ihnen zu kennen. Plötzlich rief Edgar: -Richt`t Euch-! Und als die Gefangenen sein Kommando befolgten, sah er prüfend die Glieder entlang und meinte anerkennend: Danke, Kameraden, ich sehe, ihr habt nichts verlernt!….An diesem Tage haben die Prügelknechte erst recht nichts aus uns Gefangenen herauszuschlagen vermocht.

Ein erster Versuch, Edgar im Sommer 1933 zu befreien, blieb erfolglos. Man hoffte ihn in einem der Hamburger Krankenhäuser zu finden. Leider vergeblich.

1934 bereitete die KPD eine Befreiungsaktion für Edgar und Fiete Schulze vor. Der Plan wurde jedoch von einem Polizeispitzel verraten.

Broschüre von Willi Bredel, Moskau, 1936

Broschüre von Willi Bredel, Moskau, 1936

Auch Andrés Ehefrau wurde im Oktober 1933 vorübergehend festgenommen, nach zahlreichen Verhören aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie verließ Deutschland und arbeitete später in kommunistischen Emigrantenzirkeln in Paris. Nach dem Krieg lebte sie bis zu ihrem Tode 1966 als Trägerin der Clara-Zetkin-Medaille in Berlin, DDR.

Internationale Solidarität mit Edgar André

Eine Woge des Protestes ging durch viele Länder. Davon zeugen tausende Protestschreiben. Im Hafen von New York wurde auf dem deutschen Schiff „BREMEN“ ein Flugblatt des New Yorker Aktionskomitees mit der Forderung zur Freilassung Edgar Andrés und die Verhinderung von Waffenlieferungen an die Franco-Faschisten gefordert. Am Ende des Flugblattes hieß es „Hände weg von Spanien! Heraus mit Edgar André, Lawrence Simpson, Ernst Thälmann und allen den Tausenden gefangenen und gefolterten Kriegsgegnern.

Protestbrief dänischer Arbeiter und Genossen, 1936 (Seite 1)

Protestbrief dänischer Arbeiter und Genossen, 1936 (Seite 1)

Protestbrief dänischer Arbeiter und Genossen, 1936 (Seite 1)

Protestbrief dänischer Arbeiter und Genossen, 1936 (Seite 2)

Der Prozess gegen Edgar André

Das Zentralorgan der Sozialistischen Partei Frankreichs „Populaire“ schreibt über den Prozess: „Das Henkerbeil wird für Edgar André, den Schöpfer des Grußes mit der geschlossenen Faust verlangt. André ist ein Held der Arbeiterklasse, ein unbezwingbarer Gewerkschaftskämpfer…“

Nachdem in den Jahren 1933-1935 etwa 60 000 KPD-Mitglieder festgenommen worden waren und die Organisationsstruktur innerhalb Deutschlands als zerschlagen gelten konnte, sollte das bewusst auf mehrere Wochen angesetzte Verfahren der Öffentlichkeit die Liquidierung der Kommunistischen Partei dokumentieren.

Am 4. Mai 1936 begann, mehr als 3 Jahre nach seiner Verhaftung, vor dem Strafsenat des Hamburgischen Oberlandesgerichts der sog. “André-Prozeß”. Es war nach dem Prozess gegen Fiete Schulze, in dem André bereits als Zeuge vernommen worden war, der zweite und zugleich letzte große Hamburger Schauprozess gegen frühere KPD-Funktionäre.

Er zog sich über 32 Verhandlungstage hin. Angeklagt wegen Hochverrats und der angeblichen Beteiligung am gewaltsamen Tod mehrerer SA-Angehöriger in den Jahren 1930/32, erging am 10. Juli 1936 das von Anbeginn an feststehende, angesichts des Zögerns einiger Richter aber doch noch einmal von höchster Stelle geforderte Todesurteil.

Edgar André vor Gericht, 30. Juni 1936. Bildbearbeitung verbessert

Edgar André vor Gericht, 30. Juni 1936

In dem Prozess verteidigte Edgar die Ideen der revolutionären Arbeiterbewegung.

Am 1. Juli 1936, dem letzten Verhandlungstag, sagte Edgar am Ende seines Schlusswortes im Gerichtssaal u.a.:
„Ihre Ehre ist nicht meine Ehre, und meine Ehre ist nicht ihre Ehre, denn uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen, uns trennt eine tiefe Kluft. Sollten Sie hier das Unmögliche möglich machen und einen unschuldigen Kämpfer zum Richtblock bringen, so bin ich bereit, diesen schweren Gang zu gehen. Ich will keine Gnade, denn als Kämpfer habe ich gelebt und als Kämpfer werde ich sterben mit den letzten Worten „ES LEBE DER KOMMUNISMUS!“

Edgar André verneigt sich darauf mit geballter Faust vor dem Richtertisch und dem Zuhörerraum, dann gibt er seinem Verteidiger die Hand.

Trotz weltweiter Proteste wurde das Todesurteil an André vollstreckt.

Totenmaske von Edgar André, Museum für Hamburgische Geschichte. Bildbearbeitung verbessert

Totenmaske von Edgar André

Das Gericht unter dem Vorsitz des Richters Otto Roth, der schon im Jahr zuvor das Todesurteil über den Kommunisten Friedrich (Fiete) Schulze gesprochen hatte, folgte dem Antrag des Staatsanwalts und sprach am Freitag, den 10. Juli 1936, das Todesurteil: Tod durch Enthauptung, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.

Am 4. November 1936, um sechs Uhr morgens, wird Edgar – zweiundvierzig Jahre alt – im Hamburger Untersuchungsgefängnis Holstenglacis unter Leitung des Generalstaatsanwalts Dr. Drescher von dem Scharfrichter Gröpler aus Magdeburg mit dem Handbeil enthauptet.

Es soll sich um die letzte Hinrichtung dieser Art in Hamburg gehandelt haben, später ging man zum Einsatz einer Guillotine über.

Sein Anwalt, der dabei war, schildert die letzten Minuten: „Edgar André ging aufrecht und allein die 12 Meter bis zur Richtstätte. ….Plötzlich hallte seine machtvolle Stimme über den Hof: „Es lebe der Kommunismus! Nieder mit dem Massenmörder Adolf Hitler!“

Dann starb Edgar André.

Beerdigungsschein vom Edgar André, 4. November 1936. Bildbearbeitung verbessert

Beerdigungsschein vom Edgar André, 4. November 1936

Millionen Menschen in Europa nahmen Anteil an seinem Tod. Protest- und Trauermärsche fanden statt, im Hamburger Zuchthaus Fuhlsbüttel traten 5 000 Insassen in einen Proteststreik.

Im Spanischen Krieg 1936-1939 kämpfte ab November 1936 das erste bataillon der XI. Internationalen Brigaden unter dem Namen „Edgar André“ gegen den Faschismus. Das Lied des Edgar-André-Bataillons kann über gehört werden.

Hans Beimler mit dem Edgar André Bataillon, November 1936 in Madrid auf dem Weg zur Front

Hans Beimler mit dem Edgar André Bataillon, November 1936 in Madrid auf dem Weg zur Front

Das Edgar André Bataillon ruht hinter der Front

Das Edgar André Bataillon (beschnitten)BundesarchivLizenz

 

 

 

 

 

 

 

Edgar Andrés Grab

Aus Furcht vor Unruhen ordnete die Gestapo eine Beisetzung “in aller Stille und unter strengster Verschwiegenheit” an. Die Urne wurde 1936 heimlich auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg vergraben und erst zehn Jahre später gefunden, weil die Verwaltung des Friedhofs nicht der Anordnung gefolgt war, alle Unterlagen zu vernichten.

Im September 1946 fand zusammen mit 26 weiteren Urnen eine Umbettung auf das Areal „Der Revolutionsopfer von 1918“, nahe dem Haupteingang des Friedhofs Ohlsdorf, statt.

Heute befindet sich die Grabstätte von Edgar André im „Ehrenhain für die Hamburger Widerstandskämpfer“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wohin sie zusammen mit den Urnen weiterer Widerstandskämpfer im April 1962 überführt worden ist.

An der Einweihung der neuen Gräberanlage am 6. Mai 1962 nahm auch Edgars Lebensgefährtin Martha teil, die Edgars Namen angenommen hatte und nun Berg-André hieß.

Grabplatte von Edgar André im Ehrenhain für die Hamburger Widerstandskämpfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof, 30. Januar 2021

Grabplatte von Edgar André im Ehrenhain für die Hamburger Widerstandskämpfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof