Erich Hoffmann war ein kommunistischer Hamburger Arbeiter, der sein Leben dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet hat. Im Rahmen dieses Kampfes half er, 200 ungarische Kinder in Auschwitz und Buchenwald zu retten

 
Von Thomas Mayer

Erich ‘Vatti’ Hoffmann, geachtet und beliebt

Erich Hoffmann wurde am 13. Februar 1906 in Zerbst in Sachsen geboren. Die Familie zog bald nach Kiel um, da der Vater dort eine Arbeit als Werftarbeiter gefunden hatte.

Nach dem Volksschulabschluss trat Erich eine Lehre als Former in den Gießereien der Germania-Werft in Kiel an. Jetzt trat er auch in die Gewerkschaft ein. Er fiel besonders wegen seiner Hilfsbereitschaft und seiner Sorge um jeden seiner Kameraden auf. Diese Charaktereigenschaften brachten ihm den Spitznamen „Vatti“ ein. Mit diesem Namen wurde er von seinen Freunden bis zu seinem Tode angeredet.

Frühe politische Arbeit

Im Jahre 1922 wurde er Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands. In dieser Zeit begann er regelmäßig als Arbeiterkorrespondent aus dem Betrieb für die Kommunistische Presse und Betriebszeitungen zu schreiben.

Aus der Arbeit entlassen, machte sich „Vatti“ auf nach Hamburg, wo er aufgrund seiner politischen Aktivitäten ein Aufenthaltsverbot bekam. Erst in Altona, was damals noch nicht zu Hamburg gehörte, konnte er bei Genossen unterkommen und fand eine neue Arbeit.

Innerhalb der Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) entwickelte sich „Vatti“ zum politischen Leiter eines Unterbezirks in Hamburg, sowie zum Mitglied der KJVD Bezirksleitung Wasserkante und zum Gauführer der „Roten Jungfront“, der Jugendorganisation des Roter Frontkämpferbund.

Nach einem Schulungskurs an der Reichsparteischule der KPD, kümmerte sich Erich „Vatti“ Hoffmann besonders um die Jugend.

Hamburger Volkszeitung

1929 trat ‘Vatti’  in die Redaktion der kommunistischen Tageszeitung Hamburger Volkszeitung ein. Er lernte dort als Volontär bei Willi Bredel und nahm 1930, nach Bredels Verhaftung wegen „Vorbereitung zum literarischen Hoch- und Landesverrat“, dessen Funktion als hauptamtlicher Redakteur ein.

„Vatti“ wurde von der reaktionären Justiz 94 Mal angeklagt, davon 28 Mal wegen Hochverrats – unter anderem wegen Artikeln zum Jahrestag der Oktoberrevolution oder über den Hungermarsch der Arbeitslosen.

Das Reichsgericht verurteilte ihn 1930 zu 2 1/2 Jahren Festungshaft auf der Festung Gollnow.

Parlamentarische Arbeit

Bei der Festungshaft waren ihm jedoch nicht die Bürgerrechte aberkannt worden. So konnte Erich „Vatti“ Hoffmann nach 1 1/2 Jahren in die Hamburger Bürgerschaft gewählt werden. Er bekam parlamentarische Immunität und wurde so aus der Festungshaft entlassen.

In seinem neuen Aufgabenfeld setzte sich „Vatti“ , für eine Zusammenarbeit von KPD und Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) im antifaschistischen Kampf ein.

Er versuchte u.a. Publik zu machen, das die Sturmabteilung (SA) in bestimmten stillgelegten Fabrikgeländen „Ausbildungsstätten“ eingerichtet hatte. Eine z.B. auf dem Gelände um Wittmoor, nördlich von Hamburg, wo 1933 eines der ersten „wilden“ Konzentrationslager in der Nähe von Hamburg entstand.

Erste Nazi-Haft

Anfang März 1933 wurde Erich „Vatti“ Hoffmann in Lübeck festgenommen. Die Nazis dürften gerade ihn wegen seiner Unerschrockenheit besonders gehasst haben. Er wurde nach Hamburg verbracht und dort immer wieder brutal verhört. In seiner Gegenwart hat die SS seinen Freund Etkar André gefoltert. Er selbst erlitt durch Misshandlungen eine schwere, langwährende Kopfverletzung. Trotzdem blieb er seiner Haltung treu.

Aufgrund bürokratischer Streitigkeiten wurde er entlassen, und konnte, da er bereits wieder gesucht wurde, nach Kopenhagen fliehen. Auf verschiedenen Wegen kam er dann nach Moskau. Dort konnte er seine Kopfverletzung behandeln lassen und es ging ihm allmählich wieder besser.

Der spanische Bürgerkrieg

In der Zeit seiner Genesung hatte in Spanien das faschistisches Militär gegen die Republik geputscht und damit einen Bürgerkrieg ausgelöst.

Nachdem „Vatti“ wieder gesund war,ließ er sich in der Sowjetunion zum Panzerführer ausbilden, um im Kampf gegen die Faschisten in Spanien aktiv eingreifen zu können.

Am Pfingstmontag 1937 ging Erich „Vatti“ Hoffmann in Instanbul an Bord eines spanischen Frachters, der ihn nach Valencia brachte. Anfang Juni erreichte er östlich von Madrid seine Truppeneinheit.

Bei einer Offensive Anfang Juli in der Nähe der Stadt San Lorenzo de El Escorial [1] traf ihn ein Geschoß – ein Granatsplitter hatte die Panzerwand seines Fahrzeugs durchschlagen und „Vatti“ wurde schwer verletzt. Nach seiner Genesung wurde er zum „Kriegskommissar“ ernannt und kam in das Sanitätszentrum Murcia [2]. Dort war er für den Nachschub von Medikamenten und Verpflegung zuständig.

Im Frühjahr 1938 bestand die Gefahr, dass die Aufständischen südlich der Ebro-Mündung bis zum Mittelmeer durchstoßen könnten. Das Lazarett musste evakuiert werden und Erich „Vatti“ Hoffmann übernahm die organisatorische Verantwortung für den Abtransport der Verletzten und der Sanitätseinrichtungen.

Im Februar / März 1939 brach die spanische Republik unter dem Ansturm der Faschisten und ihrer deutschen Helfer endgültig zusammen.

Vom Regen in die Traufe

„Vatti“ Hoffmann wurde am 10.Februar in Frankreich verhaftet und in das Lager Gurs (Gür) gebracht in dem nur Spanienkämpfer interniert waren und in dem eine ganz besondere Solidarität herrschte.

Im Juni 1940 eroberte die deutsche Wehrmacht Frankreich. Am 8.August 1942 wurde Hoffmann als einer der ersten aus dem LagerLe Vernet (Lö Verne), in das er im Mai 1940 überstellt wurden war, nach Auschwitz verbracht.

Erich Hoffmann hatte sich vor seiner Verhaftung im Februar 1939 einen falschen Ausweis besorgt der auf den Namen Martin Anderson, geb. am 2.7.1900 in Windau/Lettland, ausgestellt war. Er wollte damit der Gestapo-Verfolgungen entkommen. Nun wurde er aber, da ja angeblich in Lettland geboren, als „jüdisch“ eingestuft. Er bekam den Zwangs-Vornamen „Israel“ und wurde in das KZ-und Vernichtungslager Auschwitz verschleppt.

„Vatti“ wurde mit seiner falschen Identität als Martin Anderson unter der Häftlingsnummer 58.786 eingeliefert.

Wie zu allen Konzentrationslagern gehörten auch zu Auschwitz Außenlager, die im Wesentlichen der ruinösen Ausbeutung der Arbeitskraft der noch arbeitsfähigen Häftlinge dienten. „Vatti“ kam in das Außenlager Jawischowitz, dessen Häftlinge in den Kohlengruben arbeiten mussten.

Verdeckte Gefängnisorganisation

Auch in Auschwitz gab es eine illegale Organisation der politischen Häftlinge, die versuchte im Rahmen des Möglichen Widerstand zu leisten – durch gegenseitige Hilfe, Übernahme von Häftlings-Funktionen und Sabotage der Arbeit. Zu dieser verdeckten Organisation bekam Hoffmann Kontakt und er arbeitete in ihr mit.

Als er bei einem Arbeitsunfall in der Kohlengrube verletzt wurde, überlebte er nur durch die Hilfe seiner Kameraden und Genossen – denn, wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde in der Regel sofort von der Schutzstaffel SS erschossen.

Die ungarischen Kinder

Nach dem Krieg schrieb er in der Hamburger Volkszeitung, deren Chefredakteur „Vatti“ war, über folgendes besonders erschütterndes Erlebnis in Auschwitz:

„Eines Tages trauten wir unseren Augen kaum, als ein Trupp von 160 Kindern im Alter von 11 bis 17 Jahren in das Lager einrückte… Kinder ungarischer Juden… Unsere Sorge war die: RETTUNG DER BEDROHTEN KINDER !

Es war beileibe kein Zufall, sondern das Ergebnis einer zielklaren Arbeit der bewussten politischen Häftlinge, dass ich zum Stubenältesten von Block 10 (dem Kinderblock) bestimmt wurde…..Auch um ihren körperlichen Verfall zu verhindern, (wurden) alle Möglichkeiten genutzt, wie das Fernhalten von der Arbeit, Krankmelden der Schwächsten….zusätzliches Essen, besondere ärztliche Kontrolle durch Häftlingsärzte, die dem Widerstandskreis angehörten und regelmäßige ausreichende Bademöglichkeit….“

Evakuierung und Todesmärsche

Als der längst verlorene Krieg dem Ende zuging, und die Truppen der Roten Armee immer näher rückten, wurde Auschwitz evakuiert, die SS verfrachtete ihre Opfer nach Westen.

Mit dem Transport Nr.18-82 wurde „Vatti“ in Buchenwald eingeliefert. Durch die Solidarität der Häftlinge war es gelungen einen großen Teil der ungarischen Kinder zusammen mit „Vatti“ heil bis nach Buchenwald zu bekommen und auch dort das Überleben der Meisten von ihnen in den letzten drei Monaten zu sichern.

Der 11. April, der Tag der Selbstbefreiung des KZ Buchenwalds, war auch der Tag der Befreiung für „Vatti“. Vielleicht das schönste dabei war, dass von den 160 Kindern noch etwa 150 diesen Tag erleben konnten.

Rückkehr

Erich Hoffmann, nun wieder unter seinem richtigen Namen, erscheint als Nr. 3 auf einer Liste von 65 Hamburgern, die Mitte Mai 1945 in ihre zerbombte Heimatstadt zurückkehren konnten.

Einige Daten zum weiteren Lebensweg Erich Hoffmanns in Hamburg.

Er war vom 3.April 1946 bis 1950 Chefredakteur der Hamburger Volkszeitung
und von 1946-1953 Bürgerschaftsmitglied der KPD-Fraktion.

Es gab 2 Anklagen gegen Hoffmann vor dem Hamburger Amtsgericht (1947) und dem Landgericht (1956) wegen „Beleidigung“ und „Angriff gegen die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik“. Sie endeten mit einer Geldstrafe und Freispruch.

Erich ‘Vatti’ Hoffmann hat in allen seinen Aufzeichnungen nie von seinen persönlichen Leiden gesprochen. Die Verletzungen, das Elend und die Angst, die seelischen und körperlichen Torturen unter dem faschistischen Regime hat er nie ganz verwunden.

Erich 'Vatti' Hoffmanns Grab

Erich ‘Vatti’ Hoffmanns Grab. Foto: René Seneko, 2020

Er starb nach langer Krankheit am 14. Februar 1959 im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt.

Er wurde im Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer in Hamburg-Ohlsdorf bei seinen Genossen beigesetzt.


Quellen:

Bredel, Willi: “Unter Türmen und Masten”, 1. Auflage, Schwerin, 1960

Hochmuth, Ursel: “Niemand und Nichts wird vergessen – Biogramme und Briefe Hamburger Widerstandskämpfer 1933-1945”, Hamburg, 2005

Projektgruppe des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium: “Spurensuche – Aus dem Leben von zehn Hamburger Antifaschisten”, 1988


Anmerkungen:

[1] Die Stadt San Lorenzo de El Escorial liegt um 45 km nordwestlich von Madrid.

[2] Murcia ist eine Stadt im Südosten von Spanien.